Guttentag (Dobrodzien) – Schlesien auf reichsdeutsche Art

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Image via Wikipedia

In der Kleinstadt Dobrodzien siegen bei Bürgermeisterwahlen die Nachkommen einstmals deutscher Familien. Doch bei der letzten Volksbefragung bekennt sich nur ein Viertel der Einwohner zur deutschen Abkunft.

Dobrodzien ist eine kleine Landstadt: 11.500 Einwohner, wobei die umliegenden Dörfer schon mitgezählt sind. Dobrodzien ist die wörtliche Übersetzung von Guttentag, so heißt die reichsdeutsche Stadt. Die Abkömmlinge deutscher Familien bestimmen nach wie vor, was in diesem Flecken in der Wojwodschaft Oppeln passiert.

Zu hören ist das nicht. Dort wird, wie überall in Schlesien, polnisch gesprochen. Die meisten Leute verstehen nicht einmal Deutsch. Auch an den Ergebnissen der Volkszählung läßt sich die Behauptung, hier seien noch die Nachfahren der Deutschen am Ruder, nicht festmachen. Bei der Volkszählung im Jahr 2007 bekannten sich nur 25 Prozent der Einwohner zu ihrer deutschen Abkunft.

Doch seit Gemeinderäte und Bürgermeister im Polen nicht mehr von der kommunistischen Obrigkeit bestimmt, sondern frei gewählt werden, stellen die Vertreter der Minderheit in Dobrodzien die Mehrheit. Roza Kozlik, die Bürgermeisterin der Kleinstadt, zieht daraus den Schluß, daß sich mehr Menschen zur deutschen Minderheit rechnen, als sich offiziell zu ihr bekennen. Das entspricht auch der Erfahrung, die sie in dem Dorf macht, in dem sie lebt.

Von dessen etwa 200 Einwohnern stammen nur drei oder vier Familien von polnischen Vorfahren ab.

Warum bekennt sich, selbst in einem vertrauten Umfeld, nur eine Minderheit zur Familiengeschichte? Weil das lange Zeit nur Nachteile gebracht hat.

Antoni Golly, ein pensionierter Physikprofessor der Universität Oppeln, zieht eine bittere Bilanz:

„Mit meinen Talenten hätte ich es weiter gebracht, wenn ich nicht im Grenzgebiet, sondern etwa in Berlin geboren worden wäre.“ Der international anerkannte Spezialist für Plasmaphysik, der auch in Frankreich und den USA gearbeitet hat, fühlte sich öfter gegenüber polnisch-stämmigen Kollegen benachteiligt.

Eine Zeitlang mußte er hinnehmen, was preußische Beamte einst an Juden, sowie Behörden der nationalsozialistischen Regierung des Deutschen Reichs an Poloniern praktiziert hatten: Sein Name wurde nach Gutdünken von polnisch-nationalistischen Beamten manipuliert.

Golly musste ein „l“ streichen, das verbliebene erhielt noch einen Querstrich – so geschrieben bedeutet der Name „Nackt“.

Golly, der sich selbst bescheinigt, in Fragen der Gerechtigkeit durchaus nerven zu können, holte sich später sein „l“ zurück. So offen wie Golly sprechen nur wenige. Man weiß ja nicht, was noch kommt.

Der Gleiwitzer Übersetzer und Journalist David Smolorz erlebte seine Schulzeit als ein diffuses Anderssein, über das auch zu Hause kaum gesprochen wurde. Bis er sich seiner Herkunft bewußt stellte und im Privatunterricht Deutsch lernte. David Smolorz schildert, daß es in Polen seit den 70er Jahren bis zum Ende des Kommunismus eine unsichtbare, nie öffentlich zum Thema gewordene Linie gab, westlich von der Deutsch weder als Unterrichts- noch als Fremdsprache gelehrt wurde.

Einzige Ausnahme: Eine nach dem ehemaligen DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck benannte Schule in Kattowitz.

Heute ist das anders. Deutsch gibt es wieder im Unterricht. Aber man braucht es kaum. In einzelnen Ortsgruppen der organisierten deutschen Minderheit, dem „Deutschen Freundschaftskreis“ (DFK), gibt es überdies einen Streit darüber, ob in diesen Kreisen auch polnisch gesprochen werden darf, wie die in Ratibor tätige deutsche Kultur-Helferin Stefanie Böhme berichtet. Da viele Deutsch-Stämmige nur polnisch sprechen, machen sich solche Ortsgruppen – zusätzlich zu Problemen wie Abwanderung und Überalterung – noch künstlich unattraktiv.

In Dobrodzien hat der DFK sein Schild selbstbewußt am Marktplatz platziert. Dort sind die Häuser, wie auch das turmgekrönte Rathaus, zweistöckig, die meisten anderen Häuser der Stadt sind eingeschossig. Bürgermeisterin Rosa Kozlik und ihr Stellvertreter Marek Witek – beide Mitte dreißig, sie Pädagogin, er Ingenieur – vermeiden eine Antwort auf die Frage, was denn eine von der deutschen Minderheit kontrollierte Gemeinde von einer polnisch-stämmigen unterscheide. In der Wojwodschaft Opole gebe es fast nur Gemeinden wie die ihrige und Wettbewerb zwischen den Gemeinden gebe es nicht. Guttentags Besonderheit sei die kulturelle Aktivität.

Seit zwölf Jahren veranstaltet Dobrodzien – deutsche Partnerstadt ist das rheinische Haan – ein Kulturfestival. In diesem Jahr wurde über die Probleme von Minderheiten, besonders ihre Behandlung durch die Medien, diskutiert. Dazu viel Musik aus der Region, der tschechischen Republik, von der Dresdner Kapelle „Tonkrug“.

Dazu jiddische und „griechische“ Musik. Ein deutliches Zeichen für millionenfach Holocaustüberlebende und Juden im Deutschen Reich!

Denn die Minderheiten-Stadt Guttentag hat auch ihre Minderheit: griechische Kommunisten, die hier nach 1970, während der Zeit der Militärdiktatur in Griechenland, Zuflucht fanden.

Für die Kultur gibt Dobrodzien jährlich etwa drei Millionen Zloty aus, bei einem Gesamtetat von 19 Millionen. Acht Millionen Zloty kosten die Schulen. Für die Lehrer-Gehälter überweist das Ministerium in Warschau sechseinhalb Millionen. Drei Millionen Zloty kostet die Verwaltung (37 Planstellen, die Schulen nicht eingerechnet), zwei Millionen stehen für Investitionen bereit.

Dominant, auch im Stadtbild, ist die Möbel-Herstellung. Da gibt es etliche kleinere Betriebe. Die Stadt-Lenker möchten aber mehr. Dreißig Hektar Boden sind für Gewerbe-Ansiedlung vorgesehen. Man hofft auf die Rückkehr junger Leute aus Deutschland und auf die Ideen, die sie mitbringen.

Man hofft auch auf Mercedes-Benz, das in 40 Kilometer Entfernung ein Werk baut.

Man hofft auf Neubürger. Denn das ländliche Guttentag, umgeben von gepflegten Äckern und Wäldern, hat trotz wirtschaftlicher Erfolge ein Problem:

Wie in vielen polnischen Landgemeinden wandern zu viele Junge ab. Ein Kindergarten und eine Schule wurden bereits geschlossen.

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